Moderne Bücherverbrennung revisited oder: Der große „E-Bücher-Verschwinde-Trick“


Mit der modernen Technik ist das schon so eine Sache.

Im Kern halte ich mich auch nach umfangreicher Selbstreflexion durchaus für technikaffin. Sicherlich, den alten Zeiten mit den liebevoll selbst gemixten Kassetten (zur Erinnerung: die Dinger mit dem schwarzen Magnet-Band!) trauere ich schon noch regelmäßig hinterher, wenn ich den von Jahr zu Jahr verschleißbedingt etwas abnehmenden Bestand in den bewußt noch existierenden Kassetten-Schacht meines Gruft-O-Mobils einwerfe. Aber die nachrückende CD hatte ja auch ganz klar ihre Vorteile.

Sampler

Da konnten die liebsten Stücke munter neu zusammengestellt und mit Samples versehen werden. Als Zuckerguß obenauf dann noch ein schönes Cover und schon hatte man nicht selten einen bis ins Detail durchdachten und auch optisch ansprechenden Augenschmauß vor sich liegen. Speziell so manches Machwerk aus den Zauberschmieden des Meister G.’s wusste schon damals zu gefallen und schmückt noch heute prominent die im Laufe der Jahre nicht kleiner gewordene Sammlung der Silberlinge.



Es war ein bedeutender Schritt, bedeutender vielleicht, als so mancher es sich zu der Zeit vorstellte. Die Musik war digital geworden, flüchtige Information in Nullen und Einsen. Zugleich war sie nun aber auch leichter beherrschbar geworden, konnte zusätzlich als MP3 abgelegt werden oder eben auch ohne das störende Klacken meines (zugegeben wahrscheinlich nicht gerade extrem hochwertigen) Doppelkassettendecks neu zusammengestellt werden. Eine CD mit Musik für die Fahrt zum lang erwarteten Sommer-Festival, eine im Winter zusammengestellte, leicht sentimental angehauchte CD mit den Highlights des gerade abgelaufenen Jahres …

Trotz aller Digitalisierung ging hierbei jedoch stets die Stofflichkeit des Ganzen nie wirklich verloren. Die Originale standen stets wohlbehütet im Regal, nicht selten mit schön gemachtem Cover ( im Vergleich zum Goldstandard der Vinylhülle lediglich etwas miniaturisiert) und umfangreichem Booklet. Kleine Kunstwerke, die beim ersten Durchhören mit großen Augen verschlungen wurden und die auch später immer wieder zum Stöbern, Staunen und Freuen eingeladen haben. Doch wie das immer so ist …

Mittlerweile haben wir das Jahr 2009, und in vielen Bereichen wurde die Entwicklung konsequent weitergeführt. Da wurde munter geregelt, verboten, kriminalisiert und optimiert. Auf jeder legal gekauften DVD erwartet einen erst einmal ein mehr als fragwürdiger und zumeist nicht einmal überspringbarer Trailer über die abgrundtiefer Bosheit der wie auch immer gearteten Vervielfältigung. Wäre es mir nicht schade um die Zeit und die Rohlinge, ich wäre versucht mir jeweils eine Kopie anzulegen und dabei diesen Unfug einfach wegzuschneiden. Auch bei den CDs ist mittlerweile ein kritischer Blick erforderlich, ob man diese mit gutem Geld gekaufte Musik denn überhaupt auf den MP3 Stick ziehen oder als Sicherheitsbrand anstelle des hochwertigen Digipacks bzw. der Din A5 Spezialausgabe mit ins Auto nehmen kann. Da lobe ich mir Leute wie Herrn Rudi R. (:W:), der lieber an den gesunden Menschenverstand appelliert als seine Kunden mit lästigen und bereits mittelfristig ineffektiven Albernheiten unter dem Überbegriff DRM zu gängeln.

Nunmehr geht das Ganze ja aber noch einen Schritt weiter: die vollkommene Digitalisierung lockt! Wie fein … keine Kosten für das Presswerk, keine Rohstoffe für Hülle und Booklet. Bücher, Computersoftware, CD’s und DVD’s werden nur noch als Einser und Nuller durch die Leitung geschickt und dann auf Platten, MP3-Spielern oder E-Books gespeichert. Ohne großen Aufwand, ohne große emotionale Bindung an das Produkt. Einfach. Bequem. Austauschbar. Und weil’s so schön ist, die Anleitung für das Spiel und das Cover der CD gleich dazu. Auf die paar Millionen Bits und Bytes kommt es dann ja auch nicht mehr an…

Wohin es dann vielleicht morgen geht, zeigt ein aktueller Fall in Verbindung mit Amazon. Dort kann man – so man solches mag – ja ganz tolle digitale Geräte namens E-Books erwerben und den dazugehörigen Lesestoff gleich dazu. Aussuchen, Bezahlen, Runterladen und sich am frisch erworbenen Eigentum erfreuen. Klingt gut, oder?

Blöd nur, wenn dann irgendwann der bestellte und bezahlte Gegenstand plötzlich wieder storniert und gelöscht wird. Still und heimlich, ohne Rückfrage und Einverständnis. So geschehen ausgerechnet mit zwei Büchern von George Orwell, die sich lustigerweise auch noch mit Willkürherrschaft und Überwachungsdystopien befassen (Vgl. HIER). Aufgewacht, Inhalt weg und Kaufbetrag erstattet. Sich so etwas in der Musikszene mit seltenen Auflagen, Sonder- oder Fehldrucken vorzustellen, birgt bei aller Dreistigkeit des Vorgangs durchaus Material für kurzweilige Überlegungen. Seien es die wohlgehüteten, mittlerweile indizierten Alben finsterer Heavy Metal-Kapellen oder die geliebte Erstauflage eines bestimmten Buches … und eines morgens sind beide dann fort und stattdessen liegen zwanzig Mark (ist ja schon etwas älter, der Silberling) oder die grandiose Neuauflage (Tolkien’s Herr der Ringe – Das Buch zum Film!) auf dem Küchentisch.

Vielleicht sollte man das Ganze einfach als warnendes Menetekel sehen, als Schuss vor den Bug. Und sich dann doch lieber ganz old school die Version zum Anfassen und in den Schrank stellen, auch wenn sie da mit der Zeit etwas Staub ansetzt. Aber wenn man das Werk dann beim nächsten Frühjahrsputz wieder in die Hand nimmt und es wahlweise begeistert in die Rotation wirft oder noch mit dem Staubfeudel in der Hand einmal mehr das erste Kapitel beginnt, hat das doch auch etwas.

Und das Beste: wenn doch mal irgendwer meint, dass es vielleicht doch besser für mich wäre diesen Silberling oder dieses Buch zu haben, wird das eine sehr, sehr spannende Angelegenheit …

This entry was posted on Sonntag, Juli 19th, 2009 at 23:02 and is filed under New World Order. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.

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